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Pelzkragen überall

Echtfell ist gefragt – Tierleid wird billigend in Kauf genommen

So sieht das kurze Leben vor ihrem Tod aus: Gitter, Enge, Eintönigkeit - (c) NetAP

Kam es nur uns von der CHICO-Redaktion so vor, oder konnte man in diesem Winter noch mehr Menschen als die Jahre zuvor beobachten, die sich in Jacken mit Pelzkragen hüllten oder/und sich einen Mütze mit echtem Fellbommel über das Haupt stülpten?

Leider ist es keine trügerische Fata Morgana, sondern traurige Realität: Der Pelzboom ist tatsächlich ungebrochen und die Nachfrage nach Fellbesatz als schmuckem Hingucker an Jacken, Mänteln, Mützen oder Stiefeln somit unfassbar hoch. Dass für den Modetrend Tiere leiden und sterben müssen scheint dem Gewissen der Träger und Trägerinnen nichts anhaben zu können – trotz aller Aufklärung seitens Tierschutzorganisationen. Warum ist das so? Weshalb ist Pelz heute salonfähig und nicht mehr verpönt?

Wir haben nachgefragt und mit Esther Geisser, der Präsidentin der Tierschutzorganisation NetAP – Network for Animal Protection, gesprochen.

CHICO: Wie erklären Sie sich den aktuellen Pelzboom?
Esther Geisser: Während der 80er Jahre war Pelz verpönt. Wer dennoch Pelz trug, musste damit rechnen, angepöbelt zu werden oder einer Farbattacke zum Opfer zu fallen. Models haben sich mit dem Slogan „Besser nackt als im Pelz“ ausgezogen, um auf das Leid der Pelztiere aufmerksam zu machen. Pelz war ein Luxusprodukt, das sich nur eine begrenzte Anzahl Menschen leisten konnte.
Vielleicht nicht als  kompletter Mantel oder Jacke, aber durch das Hintertürchen – als Kragenbesatz an der Jacke, Bommel an der Mütze oder Anhänger an der Tasche -  hat sich Pelz wieder in unsere Gesellschaft eingeschlichen und prägt das Straßenbild wohin man auch geht oder schaut, ganz nach dem Motto „So ein bisschen Pelz ist nicht so schlimm“. „Pelz ist Schmerz“ war gestern, als Pelz für die Normalsterblichen noch unerschwinglich war. Heute kann sich jeder (etwas) Pelz leisten und tut es offenbar auch. Deshalb zeigt man auch nicht mehr mit dem Finger auf die andern und prangert an, was die tun. Denn jetzt tut man es auch, weil es In ist und man es sich leisten kann.
Offensichtlich sind sich die Konsumenten nicht bewusst, dass hinter jedem noch so kleinen Stück Pelz ein Schicksal steht. In ca. 85% der Fälle das eines Wildtieres, welches auf engstem Raum vor sich hinvegetierte, nur um schließlich als Kragen zu enden. Vielleicht interessiert es die Leute auch einfach nicht oder es ist ihnen egal.

CHICO: Viele Verbraucher sind der Meinung, Pelzbesätze würden bei der Herstellung von Pelzjacken und –mänteln anfallen, seien also reine Abfallprodukte der Pelzindustrie. Stimmt das?
Esther Geisser: Nein. Gerade diese Pelzprodukte boomen heute und verschlingen Unmengen an Tierfellen. Die Tiere werden extra dafür gezüchtet und getötet. In Deutschland machen Pelzbesätze ca. 70% der Pelzumsätze aus.

CHICO: Die Pelzbranche betont, es gäbe strenge Tierschutzgesetze in der EU, die eine artgerechte Haltung gewährleisten. Wie stehen Sie dazu?
Esther Geisser: Ein EU-weites spezifisches Gesetz für die Haltung von „Pelz“tieren gibt es überhaupt nicht. Es gibt lediglich Empfehlungen des Europarates. Und die sind von 1999. Diese Empfehlungen sind weit davon entfernt, eine auch nur annähernd artgerechte Haltung zu gewährleisten. Einem Fuchs wird z.B. nur eine Käfiggröße von 0,8m² zugestanden. Käfighaltung ist erlaubt und ist auch die Regel auf „Pelz“tierfarmen. Eine artgerechte Haltung von Wildtieren ist ohnehin grundsätzlich nicht möglich. Nehmen Sie den Nerz als Beispiel: In der Natur ist der Nerz ein Einzelgänger oder lebt im kleinen Familienverbund immer in der Nähe von Wasser. Die Tiere sind in der Regel dämmerungs- oder nachtaktiv und verbergen sich tagsüber in selbst gegrabenen oder übernommenen Bauten. Es sind ausgezeichnete Schwimmer, ja sie tauchen sogar bis zu sechs Meter tief. Als Raubtier haben Nerze Reviere, die bis zu 20 Hektar groß sind, und die sie mit einem Analdrüsensekret markieren. Auf einer Farm sind sie eng zusammengepfercht, Käfig an Käfig aufgereiht, in reizloser Umgebung, verurteilt zum Nichtstun und Warten auf den Tod.

CHICO: Was halten Sie von der Aussage, dass diese Tiere mittlerweile domestiziert seien, kein anderes Leben als das in Käfigen kennen würden und somit daran gewöhnt seien?
Esther Geisser: Selbst wenn eine Domestikation stattgefunden hätte, würden die natürlichen Bedürfnisse dennoch weiter bestehen. Jeder von uns würde die lebenslange Haltung eines Hundes oder einer Katze in einem Drahtgitterkäfig als Tierquälerei bezeichnen – obwohl dies unzweifelhaft domestizierte Tiere sind. Bei einem Nerz, Fuchs, Marderhund oder Kaninchen ist das nichts anderes.

CHICO: Seit einigen Jahren wirbt die Pelzbranche mit dem „Origin Assured  Label“. Was garantiert dieses Label?
Esther Geisser: Das Label soll die Herkunft des Pelzes garantieren. Es sagt jedoch nichts aus, über die Haltung und Tötung des Tieres. Mit dem „Origin Assured Label“ („aus gesicherter Herkunft“) versucht die Pelzbranche den Eindruck zu erwecken, dass der Pelz von Tieren aus tiergerechter Haltung stammt. Dem ist nicht so. Das Label hat lediglich den Anspruch, zu garantieren, dass der Pelz aus einem Land stammt, in dem Tierschutzgesetze oder Tierschutzstandards existieren. Ob diese auch ordnungsgemäß kontrolliert und eingehalten werden, garantiert das Label nicht. Auch in Ländern mit Tierschutzgesetzen und –standards werden Nerze, Füchse, Marderhunde, Kaninchen und alle anderen für Pelz gezüchteten Tiere in engen Käfigen auf Drahtgitterböden gehalten. Zudem haben „Tierschutzstandards“ ohnehin nicht einmal Gesetzeskraft.

CHICO: Haben Sie selbst schon einmal eine Pelztierfarm besichtigt?
Esther Geisser: Ich war diesen Januar in einer Farm in der Lombardei. 5000 Nerze lebten zu diesem Zeitpunkt in ihren Gitterkäfigen vor Ort.

CHICO: Wie kam es zu diesem Besuch?
Esther Geisser: Der Schweizer Pelzverband SwissFur betont bei jeder Gelegenheit, dass vor allem Tiere wie der in der Schweiz bejagte Rotfuchs für die Pelzproduktion verwendet werden und dies doch dem ungenutzten Entsorgen erlegter Tiere vorzuziehen sei.
Nebst der Tatsache, dass man zuerst über Sinn und Unsinn der Jagd diskutieren müsste, vergisst SwissFur dabei, dass der Rotfuchs den kleinsten Teil der Pelze ausmacht.
Die Vehemenz, mit der SwissFur das Pelztragen verteidigt, hatte mein Interesse geweckt und ich bat den Verband um ein Gespräch. Wenn man sich intensiver mit einer Problematik auseinandersetzen will, ist es immer gut, die Argumente aller Parteien zu kennen. Ich schätze es deshalb sehr, dass man sich bereit erklärte und sich die Zeit nahm, mich zu empfangen. Im Gespräch machte der Verband seinem Unwillen Luft, dass die meisten der Bilder, die Pelzgegner veröffentlichen, aus verdeckten Recherchen stammen und man so dem Pelzhandel die Chance nehmen würde, bei Verletzungen der Auflagen einzuschreiten. Die SwissFur glaubt dabei nur an Ausnahmen, die man aufbauschen würde, um Pelz schlecht zu machen. Ich war anderer Ansicht, doch wollte ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen lassen und bat um eine offizielle Einladung in einen vorbildlichen Betrieb. SwissFur hat sich in der Folge sehr bemüht, mir einen Vorbildbetrieb zeigen zu können. Leider wollte mich weder in Deutschland noch in Dänemark ein Pelzhändler empfangen. Schließlich aber zeigte sich ein Pelzhändler aus Italien bereit, mir seine Türen zu öffnen.

CHICO: Was waren Ihre Eindrücke?
Esther Geisser: Immer wieder betont die Pelzlobby, dass die Pelzfarmen gut auf die Tieren schauen würden, sie ansonsten kein so schönes Fell hätten. Und tatsächlich hatten die Nerze auf dieser Farm ein sehr schönes Fell. Aber sie hockten in engen Gitterkäfigen. Gitter oben, unten, rechts, links, vorne, hinten. Nichts als Gitter. Jeden Tag wird ein Einheitsbrei durch Maschinen auf das obere Gitter gespritzt. Frisches Wasser steht auch ständig zur Verfügung. Das Platzangebot ist minimal besser als die Empfehlungen des Europarates es vorgeben.
Doch reichen Nahrung, Wasser und Impfungen aus, um ein Minimum an Lebensqualität zu garantieren? Der Nerz, der Fuchs, der Marderhund, alle sind sie Wildtiere! Wie kann man das vergessen? Nur weil die Fertilität dieser Tiere auch in Gefangenschaft ungebrochen ist, ist es legitim, sie zu nutzen, ohne auch nur im geringsten Maße ihre angeborenen Bedürfnisse nach Wasser, Schwimmen, Tauchen, Graben, Spielen und Familie zu berücksichtigen?
Gemäß europäischen Empfehlungen stehen einem Nerz 2.250cm² zu. Das ist so in etwa die Fläche von 4 Din-A4-Blättern. Das Ganze erinnerte mich an die Hühnerbatterien, die es in der Schweiz seit etwa 30 Jahren nicht mehr gibt.

CHICO: Was sind das für Menschen, die eine solche Farm betreiben?
Esther Geisser: Die Menschen, die wir dort kennengelernt haben, sind Menschen, die sich aufgrund der bestehenden Gesetze und Nachfrage der Konsumenten ein legales Geschäft aufgebaut haben. Nicht allein sie sind die Schuldigen an dem ganzen Tierelend, sondern insbesondere die Gesetzgeber, die das zulassen und die Konsumenten, die es sogar fordern.

CHICO: Stammen die Pelze in der Bekleidungsindustrie alle von Tieren, die in Pelzfarmen gezüchtet wurden?
Esther Geisser: Nein, ca. 85% stammen aus Farmen.

CHICO: Wo kommen die restlichen 15% her?
Esther Geisser: Das sind Wildfänge, die durch die Fallenjagd (z.B. Fangeisen oder Schlingen) erlegt werden. Zwar haben diese Tiere in Freiheit gelebt, ihr Sterben in einer Falle ist aber oft umso qualvoller. Beispielsweise werden Kojoten, deren Pelze man oft an Jackenkrägen findet, mit Fallen gefangen. Der Rotfuchs wird normalerweise mit Schusswaffen gejagt und getötet.

CHICO: Sie leben in der Schweiz. Wie ist die Situation dort?
Esther Geisser: Aufgrund der Vorschriften zur Haltung von Wildtieren ist eine gewinnbringende Zucht von Pelztieren unmöglich. Der enorme Bedarf wird aber durch den Import gedeckt, was eigentlich sehr heuchlerisch ist.
Wir haben seit dem 1. März 2013 in der Schweiz eine sogenannte „Deklarationspflicht“. Gemäß dieser Pelzdeklarationsverordnung müssen Herkunft, Tierart und Gewinnungsart bei Pelzen und Pelzprodukten, die in der Schweiz gehandelt werden, deklariert sein.

CHICO: Muss auf dem Etikett eines Kleidungsstücks angegeben sein, ob Echtpelz verarbeitet wurde?
Esther Geisser: In der Schweiz, wie gesagt, ja. In den Ländern der EU, also auch in Deutschland, sieht das anderes aus. Hier gilt die Textilkennzeichnungsverordnung. Diese schreibt vor, dass Kleidungsstücke, die Teile tierischen Ursprungs, wie z.B. Pelz, Leder oder Horn, enthalten gekennzeichnet werden müssen und zwar mit dem Hinweis „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“. Bei Echtpelz muss also nicht explizit „Echter Pelz“ auf dem Etikett stehen. Genauso wenig muss die Tierart, die Herkunft oder die Haltungsart angegeben sein Es gibt hier aber noch einen ganz entscheidenden Haken. Und zwar gilt diese Vorschrift nur für solche Produkte, die zu mind. 80% aus Textilfasern bestehen. Enthält ein Kleidungsstück also mehr als 20%  nichttexile Teile tierischen Ursprungs, wie dies z.B. bei einer Lederjacke mit Pelzkragen oder einer kompletten Pelzweste der Fall ist, besteht überhaupt keine Kennzeichnungspflicht.

CHICO: Wie kann ich Echt- von Kunstpelz unterscheiden?
Esther Geisser: Die meisten Felle erkennt man durch Pusten, Auseinanderziehen und/oder durch Anzünden.
Pustet man leicht über den Pelz, legt sich das Deckhaar bei echtem Fell zur Seite und lässt die feine Unterwolle erkennen. Kunsthaar hingegen ist starrer, unbeweglicher. Zudem ist die Länge der Haare bei Kunstfell meist gleich. Da Echtfell mit der Haut verarbeitet wird, kann man beim Auseinanderziehen der Haare das Leder erkennen. Bei Kunstfell hingegen kommt eine gewobene Textilschicht hervor. Schliesslich kann man auch ein paar einzelne Haare anzünden. Der typische Horngeruch der dabei entsteht, weist klar auf Echthaar hin. Schmelzen die Haare jedoch wie Plastik, ist es in aller Regel eben Kunsthaar.
Der Preis ist jedenfalls kein Unterscheidungsmerkmal. Bekleidung mit Echtpelzbesatz ist oftmals schon für wenig Geld zu haben, gerade auch über das Internet.

CHICO: Ist das Tragen von Kunstpelz eine gute Alternative zu Echtpelz?
Esther Geisser: Trotz der Ausführungen oben ist es nicht immer einfach, Kunstfell von Echtfell zu unterscheiden. Zudem stimmen die Deklarationen oft nicht, so dass man wider der guten Absicht oft eben doch Echtpelz und nicht Kunstpelz erwirbt. Die Pelze sind mittlerweile oft billiger als das Kunstfell. Kunstfell wird zudem aufgrund der Herstellung zwar nicht im Bereich Tierschutz, dafür aus ökologischer Sicht oft kritisiert und aufgrund der Optik weckt es vielleicht bei anderen Bedürfnisse, die diese dann wiederum mit Echtpelz decken, weil sie eben nicht die Unterscheidung machen.
Außerdem fördert jeder, der Pelz trägt, die gesellschaftliche Akzeptanz von Pelz und das auch wenn der Pelz unecht ist. Denn allzu viele Leute sind tatsächlich nicht in der Lage, echten von unechtem Pelz zu unterschieden. Je mehr Pelz auf den Straßen zu sehen ist, desto salonfähiger wird Pelz wieder und desto niedriger ist die Hemmschwelle der Konsumenten, Pelz zu kaufen.

CHICO: Was kann jeder einzelne tun, um sich gegen das durch die Pelzindustrie verursachte Tierleid einzusetzen?
Esther Geisser: Der Verzicht auf Kleidung mit tierlichen Komponenten ist das eine, Aufklärung des eigenen Umfeldes das andere. Mangelnde Information verursacht sehr viel Leid. Es erfordert zwar etwas Überwindung, dennoch spreche ich auch immer wieder PelzträgerInnen auf der Straße an. Die Reaktionen sind unterschiedlich, aber einige konnte ich schon zum Nachdenken bewegen.  Natürlich kann man auch den Verkäuferinnen in Bekleidungsgeschäften mitteilen, dass man mit dem Echtpelz im Sortiment nicht einverstanden ist. Auch Emails an die entsprechenden Modehäuser oder Hersteller vefehlen ihre Wirkung nicht. Würde jeder nach seinen Möglichkeiten für mehr Aufklärung sorgen, wäre diese Welt mit Sicherheit um ein Vielfaches besser.
Des Weiteren kann man die Anti-Pelz-Kampagnen von Tierschutzorganisationen unterstützen, um noch mehr Menschen zu erreichen.

Eine Nerzfarm in Norditalien

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