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Island und der Walfang

Über das blutige Hobby eines reichen Mannes

Aufgrund ihrer Größe können Finnwale nicht an Bord gehievt werden - (c) Dagur Brynjólfsson

„Er sieht sich gerne in der Rolle des Bösewichts!“ Für Sandra Altherr, Biologin bei der Artenschutzorganisation Pro Wildlife, sind die Motive des isländischen Walfangmoguls Kristján Loftsson, der als einziger Jagd auf die bedrohten Finnwale macht, schleierhaft. Denn mal ganz abgesehen von dem streng frostigen Gegenwind, der Loftsson permanent entgegen weht, sind die wirklich lukrativen Zeiten des Walfangs Geschichte.

Spätestens als der einflussreiche Millionär vor zwei Jahren gegenüber der britischen Sunday Times großspurig verkündete, die vier Walfangboote seines Unternehmens Hvalur hf mit „grünem Treibstoff“ aus normalem Motoröl und dem Öl der getöteten Finnwale zu betreiben, war ihm der Titel als meist gehasster Isländer sicher. Der mediale „Shitstorm“ ließ nicht lange auf sich warten. Empörung überall. Chris Butler-Stroud, Geschäftsführer der WDC, Whale and Dolphin Conservation gGmbH, brachte das Ganze auf den Punkt: „Diese Praxis ist ein völlig absurder, perverser und unethischer Schritt einer Industrie, die bereits knöcheltief im Blut von Walen steht und nun dazu bereit ist, sogar die Überreste von toten Walen zu verwenden, um ihre Boote noch betreiben zu können.“

Fast liegt der Verdacht nahe, dem Walfänger, der zugleich Vorstandsvorsitzender des größten isländischen Fischereiunternehmens, HB Grandi, sowie Mitglied der isländischen IWC-Delegation ist, sei jede Art von Aufmerksamkeit wichtiger, als gar keine. Früher, als sich die Welt noch in seinem Sinne drehte, als es noch kein Moratorium gab und keine Tierschützer, die nach seiner Aussage ohnehin keine Ahnung von Walen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten hätten, wurde die Anlandung und das Zerlegen des ersten Finnwals der Saison noch feierlich zelebriert.

Als eines von Loftssons Booten kurz nach dem „Treibstoff-Eklat“ mit dem ersten erlegten Finnwal der Saison zurückkehrte, erwartete die Männer an Land alles andere als eine feierliche Stimmung. Zwar blickten sie in einige Kameras, denn die geladenen Medien waren brav erschienen, aber gleichzeitig blickten sie auch auf eine Gruppe von Demonstranten und ihre Plakate. Darauf stand: „Wale sind kein Hundefutter.“ Mittlerweile war durchgesickert, dass ein Teil des Walfleischs in Japan aufgrund akuter Absatzschwierigkeiten zu Hundesnacks verarbeitet wurde.

Anscheinend fanden die anwesenden Medienvertreter die kleine Demonstration interessanter als das jährlich wiederkehrende, blutige Ritual des Walfangunternehmers. Den Lesern der Tageszeitungen blickte in dem Jahr jedenfalls kein stolzer Kristján Loftsson entgegen. Dafür stand geschrieben, dass der Isländische Tourismusverband (SAF) den Walfang scharf kritisiere. Außerdem sei er mit dem Walbeobachterverband (Icewhale) der übereinstimmenden Meinung, dass das Töten der bedrohten Tiere dem Tourismus schade.

Der besagte Gegenwind, der dem Walfänger vehement entgegen weht, ist beachtlich und kommt zudem aus verschiedenen Richtungen. Dennoch macht Loftsson immer weiter. Er macht weiter, weil er es kann. Als wäre er in einer Art Zeitschleife gefangen. Einer Zeitschleife, in der die Zeit ein Kreis ist, der daraus besteht, immer wieder aufs Meer hinaus zu fahren und zu töten. Diese Zeitschleife lässt ihren Gefangenen immun werden gegen die neue Zeit, in der plötzlich moralische Aspekte eine Rolle spielen und Menschen Mitleid mit den sanften Riesen empfinden, die durch andere Menschen an den Rand der Ausrottung gebracht wurden.

Finnwale sind nach dem Blauwal die zweitgrößten Lebewesen auf der Erde. Sie werden bis zu 26 Meter lang und sind im Gegensatz zu den Zwergwalen, die rund um Island von wenigen kleineren Fischern im Nebenerwerb gejagt werden, zu groß, um sie an Bord zu hieven. Allein 2014 wurden in den isländischen Gewässern 137 der streng geschützten Finnwale und 22 Zwergwale erlegt. Insgesamt gehen seit dem Jahr 2006 erschreckende 560 tote Finnwale auf das Konto von Kristján Loftsson. Kurz vor der neuen Jagdsaison, die am 17. Juli 2015, dem Nationalfeiertag Islands, begann, räumte Loftsson nach Angaben von Pro Wildlife noch schnell seine Lager leer. Er schickte ein mit 1.700 Tonnen tiefgefrorenem Walfleisch beladenes Schiff von Island nach Japan, wohin er seinen Fang exportiert.

Isländer essen so gut wie kein Walfleisch. Ein Markt für Finnwalfleisch ist in dem Inselstaat nicht vorhanden. Lediglich das Fleisch von Zwergwalen wird gerne gutgläubigen Urlaubern angeboten. Sandra Altherr von Pro Wildlife erklärt: „Der Zwergwal wird auch an Touristen verkauft, und man erzählt ihnen dann, das sei ein traditionelles Gericht, was per se gar nicht stimmt. Aber es gibt dann viele Touristen, die denken, ok, jetzt bin ich in dem Land, hier ist es anders und wir probieren es mal. Doch auch in Japan wird immer weniger Walfleisch gegessen – die Kühlhäuser sind voll.“

Trotzdem exportiert der Geschäftsführer von Hvalur hf weiterhin Finnwalfleisch nach Japan und setzt sich damit über das Washingtoner Artenschutzübereinkommen hinweg, nach dem der internationale Handel mit Walfleisch streng verboten ist. Da Japan, Island und Norwegen einen formellen Einspruch gegen das CITES-Handelsverbot erhoben haben, fühlen sich die drei Länder nicht daran gebunden. Dass es bei den Exportgeschäften immer wieder zu Schwierigkeiten kommt, lässt den einzigen Finnwalfänger Islands nicht von seinem eingeschlagenen Weg abweichen. So wurden 2013 sechs Container mit tiefgefrorenem Walfleisch aufgrund von Dokumentenfehlern wieder an den Ausgangsort zurück geschickt.

2011 und 2012 beendete Loftsson die Jagdsaison vorzeitig, da nach seiner Aussage der japanische Markt durch die Folgen des Tsunamis zusammengebrochen war und auch die Geschäftsräume seiner japanischen Partner zerstört worden seien. Wohingegen Artenschützer vermuten, dass einfach die Nachfrage in Japan zurückgehe. Die Tatsache, dass Walfleisch zu Hundefutter verarbeitet wird, spricht auf jeden Fall dafür. Die Jagdpause währte jedoch nur zwei Jahre und 2013 meldete sich Kristjan Loftsson mit dem „Biosprit“ - Paukenschlag zurück und „erntete“ in der Saison 134 Finnwale. Zudem erhöhte er die Exportmengen. Pro Wildlife spricht vom eskalierenden Walfang in Island.

Nun wird sich der ein oder andere sicherlich Fragen, wie es überhaupt sein kann, dass der Walfangunternehmer pro Jahr 154 Finnwale jagen darf? Schließlich stehen die Tiere auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN und sind somit streng geschützt. Zudem verbietet seit 1986 ein Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) den kommerziellen Walfang. Die Frage ist mehr als berechtigt und die Antwort mehr als komplex.

Nachdem durch die intensive Jagd auf Wale im 19. und 20. Jahrhundert die Bestände vieler Walarten bis zur Beinahe-Ausrottung dezimiert wurden, trat 1986 nach langem Ringen das Moratorium in Kraft, dem auch Island zustimmte, während Norwegen fristgerecht Einspruch einlegte und damit juristisch nicht an das kommerzielle Walfangverbot gebunden ist. Japan hat sich dagegen das Schlupfloch des wissenschaftlichen Walfangs heraus gesucht, um die großen Meeressäuger weiterhin zu töten. Auch Island betriebt zunächst wissenschaftlichen Walfang, trat aber dann im Jahr 1992 nicht ohne eine gehörige Portion Wut im Bauch aus der IWC aus. Dazu wird im Spiegel ein Biologe des isländischen Meeresforschunginsituts in Reykjavik mit folgenden Worten zitiert: „Diese Kommission ist ein einziger Zirkus von Umweltschützern und Fanatikern, die den Wal zu einer heiligen Kuh erhoben haben.“ Da Japan sich nach eigener Gesetzgebung jedoch verpflichtete, Wal-Produkte nur von Mitgliedsstaaten der Internationalen Walfangkommission zu importieren, brach der Hauptabsatzmarkt weg. So pausierte Island notgedrungen. Zehn Jahre später trat das Land wieder bei und bediente sich einer folgenschweren Finte. Neumitglieder können nämlich gegen unerwünschte Vorgaben der IWC formellen Einspruch erheben, was Island auch tat und mit diesem Täuschungsmanöver das einst akzeptierte Moratorium wieder abstreifte. Im Herbst 2003 nahm Island die Jagd auf Zwergwale unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Walfangs wieder auf. Im Oktober 2006 erlegte die Hvalur 9 nach langer Abstinenz den ersten Finnwal. Kristján Loftsson hatte seine Flotte während der ganzen Zeit für wahre Unsummen an Geld warten lassen, um jederzeit Auslaufen zu können.

Für die Saison 2006 und 2007 gab die Regierung neun Finnwale und 30 Zwergwale für die kommerzielle Jagd frei. Das isländische Meeresforschungsinstitut ließ verlauten, dass der Bestand an Finnwalen in Islands Gewässern nicht gefährdet sei. „Nur“ sieben Finnwale mussten ihre Leben lassen. Japans Interesse an Finnwalfleisch war zu gering. Dann der Schock: 2009 gab der Fischereiminister der scheidenden, konservativen Regierungspartei Einar K. Gudfinnsson als eine seiner letzten Amtshandlungen bis 2013 pro Jahr 150 Finnwale und 100 Zwergwale zur Jagd frei. Es heißt, er habe damit die nachfolgende Linksregierung ärgern wollen. Mittlerweile hat die jetzige Regierung die Quoten bis zum Jahr 2018 auf 154 Finnwale und 229 Zwergwale erhöht.

„Finnwale sind auf der Internationalen Roten Liste als bedroht eingestuft, die Jagd auf diese Tiere ist ein Skandal“, wettert Sandra Altherr. Außerdem belegt eine zunächst unter Verschluss gehaltene Studie, was eigentlich bereits bekannt war. Demnach durchleidet jeder sechste Finnwal einen minutenlangen Todeskampf. „Obwohl die Explosivharpune nur aus einem bestimmten Winkel abgefeuert werden darf, halten sich die Waljäger in der Praxis nicht daran. Oft zielen die Walfänger ungenau und feuern zu früh ab. Die Harpunen treffen deshalb oft nicht die lebenswichtigen Organe und die Tiere sterben einen qualvollen Tod“, berichtet die Biologin von Pro Wildlife.

Auch vor diesem Gesichtspunkt sieht die isländische Bevölkerung das sinnlose und grausame Töten zunehmend kritisch. Außerdem „kollidiert“ der Walfang mit der Walbeobachtungsindustrie. Laut WDC übertreffen die Einnahmen aus dem boomenden Tourismussektor, die Walfanggewinne um ein Zehnfaches. Und der Gegenwind, der dem Walfangmogul und Island aus dem Rest der Welt entgegen schlägt, weht zunehmend kräftiger. Nachdem die EU-Beitrittsgespräche brach liegen, übergab die EU mit der Unterstützung der Staaten Australien, Brasilien, Israel, Mexico, Monaco, Neuseeland und den USA im September 2014 eine scharfe Demarche an Island. Sprich, einen diplomatischen Einspruch gegen den „eskalierenden“ Walfang. US-Präsident Barack Obama kündigte diplomatische Sanktionen an, sollte Island weiter am Walfang festhalten und das Washingtoner Artenschutzabkommen weiter untergraben. Zudem forderte eine Allianz aus 13 Verbänden die fischverarbeitende Industrie auf, keine Produkte von der Firma HB Grandi zu kaufen, deren Vorstandsvorsitzender Kristján Loftsson ist.

Diesen scheint das alles wenig zu beeindrucken. Er geht weiter seinem „Hobby“ nach. Richtig gelesen, seinem Hobby. Mittlerweile ist bekannt, dass er den Walfang zum Großteil über die Einnahmen aus dem Fischereiunternehmen finanziert. Er braucht die Jagd und kreist weiter als Gefangener in seiner Zeitschleife. Zumindest solange, bis ihn hoffentlich bald jemand oder etwas daraus befreit.

Unter diesem Link können Sie sich ein Video der ersten Anlandung eines Finnwales in diesem Jahr ansehen.

Infos: www.prowildlife.de oder de.whales.org

Walfang trotz Moratorium

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