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Mission Colt Alb

Über ein wahres Tierschutzwunder

Colt Alb ist ein Paradebeispiel für die Aussage, dass Aufgeben niemals eine Option ist - (c) NetAP

Es gibt unendlich viele Tierheime in Rumänien, und über alle gibt es unzählige Geschichten. Schöne Geschichten, traurige Geschichten, Geschichten voller Hoffnung und solche voller Leid. Und manche Geschichten sind so schrecklich, dass es einem lieber wäre, man hätte niemals davon erfahren.

Eine solche Geschichte hörte ich im Oktober 2015 über das Tierheim Colt Alb in Timisoara, Rumänien. Es war früh am Morgen, als ich auf meine Kollegin wartend noch etwas in Facebook stöberte. Ein arbeitsreicher Tag in unserer Sozialklinik lag vor uns. Die letzten Vorbereitungen für die große Eröffnung waren in vollem Gange. „Der Hundehölle von Colt Alb knapp entronnen“, titelte der Facebook-Beitrag einer kleinen Tierschutzorganisation und erzählte von der „Rettung“ eines kleinen Hundes, den Helfer offenbar aus einem Tierheim in Rumänien entwendet hatten. In knappen Worten wurde beschrieben, dass dieser Hund keine Überlebenschancen gehabt hätte, hätte man ihn nicht
einfach eingepackt. In den düsternsten Farben wurde ein Bild beschrieben, welches ich gerne wieder aus meiner Erinnerung verdrängt hätte, aber es saß fest und ließ mich nicht mehr los. Ich sprach deshalb unsere lokalen Helfer auf Colt Alb an, um mehr darüber zu erfahren, und Alina, die Office Managerin unserer Praxis, verdrehte nur die Augen. Ernst nickte sie und meinte, Colt Alb sei wirklich schrecklich und es sei dort nichts zu machen. Es stürben laufend Hunde, reingelassen werde niemand und das alte Ehepaar, das das Tierheim betreibe, habe mit der Menschheit abgeschlossen.

„Ich will dahin!“ verkündete ich zum großen Entsetzen aller in unserem Team. Es war einiges an Überzeugungskraft nötig, bis Alina schließlich einwilligte, mich nach Colt Alb zu begleiten. Erst aber gingen wir Futter einkaufen und füllten das Auto damit bis obenhin. Denn wenn schon klar war, dass die Leute uns nicht herzlich empfangen würden, dann wollten wir doch wenigstens versuchen, mit einem nützlichen Geschenk unsere guten Absichten zu unterstreichen und damit die Gesprächsbereitschaft positiv zu beeinflussen. Doch ganz so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, war mein Vorhaben nicht. Bereits der Weg nach Colt Alb entpuppte sich als Abenteuer. Es hatte einige Tage zuvor geregnet und die Naturstraße zum Tierheim war komplett erschlammt. Mit dem Auto gab es da kein Durchkommen mehr. Wir mussten aussteigen und die letzten paar hundert Meter zu Fuß gehen. Eine Vielzahl Hunde begrüßte uns lauthals am rostigen Tor.

Die meisten Vierbeiner hatten kaum Fell, waren blutig gekratzt und litten offensichtlich an einem massiven Parasitenbefall. Dennoch wirkten sie munter und zeigten deutlich ihr Interesse an uns. Zu meinem großen Erstaunen durften sich die Hunde auf dem großen Areal frei bewegen. Überall sah man alte, verfallene Hütten und es lag allerlei Zeugs herum, dessen Zweck sich mir auf die Schnelle nicht erschloß. Alles in allem sah das Gelände ziemlich heruntergekommen und zugemüllt aus. Eine alte Frau schlurfte heran und beäugte uns misstrauisch durch das Gitter. Alina erklärte ihr, wer wir sind und dass wir im Auto ganz viel Futter hätten. Die Frau rief zwei Männer herbei, die mit einer Schubkarre loseilten und uns halfen, all die Säcke vom Auto ins Tierheim zu schaffen. Die alte Dame nickte mir nach dem Transport kurz zu, aber den erhofften Einlass hatte ich mir durch die Futterspende längst nicht erkaufen können. Immerhin kehrte sie uns nicht sofort den Rücken zu, sondern war bereit, mit uns zu reden. Schnell war klar: Sie traute niemandem mehr.

Viele Tierschützer seien gekommen, sagte sie, hätten Hilfe angeboten, dann aber einfach Hunde mitgenommen und nichts weiter verändert. Man hätte Unwahrheiten über sie und ihr Heim verbreitet. Es seien viele Hunde gestohlen und Rudel auseinandergerissen, aber nie wirklich geholfen worden. Was ihr denn helfen würde, wollte ich wissen. „Stahlnäpfe!“ schoss es aus ihr heraus. Ich war erstaunt. Die meisten Tierheimbetreiber antworteten auf eine solche Frage eigentlich immer mit „Geld“. Etwas so bescheidenes wie Stahlnäpfe stand selten ganz oben auf der Wunschliste. „Was noch?“ hakte ich nach. „Medikamente … und vielleicht eine oder zwei neue Hundehütten“, äußerte sie bereits etwas zurückhaltender. Rasch war mir klar, dass wir hier helfen wollen. Trotz ihrer gezeigten Distanziertheit, des heruntergekommenen Heims und der kranken Hunde, glaubte ich zu erkennen, dass hier gezielte Hilfe nachhaltig etwas zum Guten verändern würde. Dass die Hunde nicht in engen Zwingern hausten, sondern viele Freiheiten hatten, gefiel mir. Zu viele Tierheime sind zwar sauber, doch die Haltung der Tiere entspricht nicht dem, was ein Hundeherz wirklich höher schlagen lässt. Hier springen, rennen und balgen die Rudel wenigstens gemeinsam herum, und sie wirken trotz Krankheiten irgendwie zufrieden. Als erstes besorgten wir deshalb umgehend viele große Stahlnäpfe und lieferten diese ans Tierheim. Doch noch immer war die Stimmung eher frostig, und nicht etwa aufgrund des anstehenden Winters.

Durch die Eröffnung unserer eigenen Tierklinik und dem damit verbundenen Sozialprogramm, bei dem mittellose Tierhalter ihre Vierbeiner kostenlos bei uns kastrieren lassen durften, waren wir bereits rund um die Uhr intensiv beschäftigt, so dass das Thema Colt Alb für einen Moment in den Hintergrund rücken musste. Wir wurden (und werden es noch immer) förmlich mit Anfragen nach Kastrationen überrannt, und wir waren mehr als glücklich darüber, dass unser Engagement so positiv aufgenommen wurde. Damit konnte und kann nachhaltig an der Regelung der Überpopulation der Straßentiere gearbeitet werden. Dank einer Stiftung, die unsere Tätigkeiten in Rumänien großzügig unterstützt, fanden wir eine weitere Organisation, die sich für die Hunde von Colt Alb zu interessieren begann: „Respektiere“ aus Österreich bot uns ihre Hilfe an und lieferte gutes Futter für die Hunde. Wir wollten jedoch auch sämtliche Hunde gegen äußere Parasiten behandeln, denn ohne Haare und Fressen war der bevorstehende, harte Winter kaum zu überleben. Mit weiterhin viel Geduld und gutem Willen gelang es uns schließlich, die Tierheimbetreiber zu überzeugen, uns Einlass zu gewähren, um die Hunde zu versorgen. Und dank einer zweckgebundenen Spende der Stiftung konnten wir alle Hunde mit einem Langzeit-Antiparasitikum behandeln.

Wir blieben am Ball und bereits ein paar Wochen später durften wir wieder ins Tierheim. Dieses Mal um die Hundehütten zu reinigen, zu reparieren und mit Stroh zu füllen, um die Hunde noch zusätzlich etwas mehr gegen den herannahenden Winter zu schützen. Wir freuten uns sehr, als wir feststellten, dass unsere Behandlung Erfolg zeigte und die ersten „Nackthunde“ wieder zarten Flaum auf der Haut bekamen. Das Mittel begann also zu wirken, und an einem dritten Einsatztag durften wir die Hunde sogar entwurmen. Endlich kamen wir dem Ehepaar des Tierheims etwas näher, die Gespräche wurden höflicher und ernsthafter. Sie vertrauten uns mittlerweile soweit, dass wir sogar zwei Notfallpatienten mit in unsere Klinik nehmen durften, um sie dort zu behandeln. Während die Hündin kastriert und behandelt nach drei Tagen wieder zurück konnte, kam unsere Hilfe für den schwerkranken Welpen leider zu spät. Dennoch war die alte Frau zufrieden. Sie hatte uns damit wohl einfach nur testen wollen und kaum erwartet, dass wir die Hündin wieder zurückbringen würden.

Und dann, im April 2017 war es endlich soweit: Die lang herbeigesehnte Kastrationswoche für Colt Alb stand bevor. Das Betreiber-Ehepaar hatte genügend Vertrauen in uns gefasst, um uns zu erlauben, sämtliche Hunde abzuholen und in unserer Klinik zu kastrieren. Etwas, das sämtliche Beteiligte bisher für unmöglich gehalten hatten. Mit der Leitung der Mission wurde die NetAP-Tierärztin Dr. Susanna Käppeli betraut. Drei erfahrene Tiermedizinische Praxisassistentinnen, ein weiterer Schweizer Tierarzt und das lokale Praxisteam bildeten das Einsatzteam für diese wichtige Woche. Um die notwendigen Operationen durchführen zu können, mussten die teils verwilderten Hunde aber erst einmal eingefangen werden. Hierfür mussten die Tiere mit dem Blasrohr betäubt werden. Doch die schlauen Hunde lernten schnell und versteckten sich in jedem Winkel des großen Geländes. Sie mussten regelmässig nach Einsetzen der Betäubung aus allen möglichen Ecken hervorgezogen werden. In der Mitte der Woche erschwerte zudem das Wetter die Mission. Starker Regen verwandelte den Boden in eine Schlammmasse und der Weg vom Tierheim in die Klinik war nur dank Vierradantrieb und viel Manpower zurückzulegen.

Überdies war es mit der Kastration der Tiere allein nicht getan. Die Hunde litten an zahlreichen Krankheiten. So mussten Glaukome, faule Zähne, Tumore, Abszesse, Sticker Sarkome, Bissverletzungen und vieles mehr behandelt werden. Das ganze Team zusammen mit der einheimischen Tierärztin Dr. Noemi Kiss, die die NetAP-Klinik vor Ort leitet, hatte rund um die Uhr alle Hände voll zu tun. Doch keine der schwierigen Aufgaben war zuviel für die Einsatzkräfte und Ende Woche waren tatsächlich alle Vierbeiner erfolgreich untersucht, behandelt und operiert worden. Zehn Patienten verblieben für eine weitergehende Behandlung noch stationär in der Klinik, alle anderen durften wieder zurück in ihr Zuhause in Colt Alb.

Niemand vor Ort hatte je daran geglaubt, dass es möglich sei, die prekäre Situation von Colt Alb zu entschärfen und nachhaltige Verbesserungen einzuleiten. Jede Veränderung, die man für Colt Alb erzielen wollte, wurde regelmäßig als „Mission Impossible“ abgetan. Doch nichts ist unmöglich, wenn man ausdauernd, systematisch, einfühlsam und professionell ein Ziel verfolgt. Dank der hervorragenden Arbeit aller Beteiligten konnte hier ein kleines Wunder vollbracht werden. Die Begeisterung war riesig. Dass kein Nachwuchs mehr in die sehr schwierigen Verhältnisse in Colt Alb hineingeboren wird, ist wohl der wichtigste Schritt in der Geschichte dieses Heimes. Natürlich bleiben wir weiterhin dran. Der Verein „Respektiere“, der uns bei der Kastrationswoche sehr tatkräftig unterstützt hat, hat zugesichert, regelmässig für Hundefutter zu sorgen und wir werden weiterhin alles Medizinische übernehmen, damit die Hunde fit bleiben und ihr Leben bestmöglich genießen können.

Und während ich dies hier schreibe ruft uns gerade das Tierheim Colt Alb an: Ein Hund sei abgegeben worden, jedoch unkastriert, und ob wir vielleicht für die Kastration sorgen könnten? Wenn das nicht Beweis genug ist. Das Eis ist definitiv gebrochen. Die kühle Distanz ist einem vertrauten Miteinander gewichen. So können wir auch auch in Zukunft gemeinsam für die Tiere da sein. Mission completed!
Esther Geisser

Eine neue Freundschaft

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