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Thilafushi

Das andere Gesicht des Paradieses

Irgendwo muss der Abfall, den Einheimische und Touristen hinterlassen ja hin - (c) Shutterstock.de / MOHAMED ABDULRAHEEM

Menschen hinterlassen Spuren. Mal mehr und mal weniger. Meistens mehr. Wir sprechen jetzt nicht vom ökologischen Fußabdruck.

Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, werden die traumhaften Inseln der Malediven in absehbarer Zeit überflutet sein. Alle Inseln? Nein. Eine von Müll überwucherte Insel wird nicht aufhören, den Fluten Widerstand zu leisten. Ihr Name: Thilafushi. Ihr Spitzname: Insel der Schande. Rund um die Uhr steigen beißende Rauchschwaden auf. Eine Art Hölle mitten im Paradies. Und täglich ragt das künstliche Eiland ein Stückchen mehr über dem Meeresspiegel empor. Denn jeden Tag landen über 300 000 Tonnen Müll auf Thilafushi. Unsortiert.
Mülltrennung gibt es in dem Inselstaat im Südwesten Indiens nicht. Der größte Teil des Abfalls wird von der nur fünf Kilometer entfernten Hauptinsel Malé mit der Fähre zur Müllinsel transportiert, abgeladen und angezündet. Die Betreiber der Hotels lassen den anfallenden Müll mit eigenen Booten nach Thilafushi bringen. Alternativ wird der Müll direkt auf der jeweiligen Ferieninsel verbrannt. Natürlich nachts, wenn die Touristen schlafen. Schließlich haben sie für teures Geld das Paradies gebucht. Wen interessiert während der schönsten Zeit des Jahres schon, wo die leere PET Flasche, die ausgelatschten Flip Flops oder die Zeitung von gestern landen? Müll hat im Paradies aber auch rein gar nichts zu suchen. So haben die meisten der jährlich über eine Million Urlauber auf den Malediven noch nie etwas von der Müllinsel gehört. Dabei tragen sie ordentlich dazu bei, dass Thilafushi immer weiter wächst. Pro Tag produziert ein Tourist nach offiziellen Angaben im Schnitt 3,5 Kilogramm Müll. Von den 400 000 Einheimischen kommen noch 1,2 Kilogramm pro Kopf hinzu. Zu viel für den Inselstaat.
Das findet zumindest der Naturschützer Ali Rilwan. Als Mitbegründer der Organisation Bluepeace betrachtet er den expansiven Tourismus in seiner Heimat mit Sorge. Er beklagt, dass es der Regierung nur um die hohen Einnahmen gehe. Für eine umweltverträglichere Beseitigung des Mülls und der Abwässer interessiere sich keiner. Tatsächlich gibt es auch auf der Hauptinsel keine Kläranlage. Das Abwasser wird direkt ins Meer geleitet. Nicht dort wo Menschen baden, sondern in tiefere Meeresschichten. Die Fassade muss bewahrt werden.
Deshalb ist Thilafushi auch eine Welt für sich. Die wenigen Arbeiter auf der 1992 aus einer Lagune künstlich erschaffenen Insel kommen aus Bangladesh. Sie schuften dort für einen Hungerlohn und setzen obendrein ihre Gesundheit aufs Spiel. Inmitten der Rauchschwaden wirken ihre Gestalten schemenhaft. Einige der Gestalten suchen in Rauch und Gestank nach wiederverwertbarem Metall, das sie verkaufen können. Schutzkleidung tragen sie nicht. Handschuhe und Mütze müssen reichen. Tiere und Pflanzen gibt es auf Thilafushi nicht mehr, dafür aber zunehmend giftige Schwermetallrückstände aus Elektroschrott wie Blei, Quecksilber oder Cadmium. Diese Rückstände und andere giftige Substanzen dringen in das türkisblaue Wasser der Lagune, mit unabsehbaren Folgen für das empfindliche Ökosystem. Verschärft wird das Problem durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels.
Wenn dieser weiter ansteigt, werden die Müllberge Thilafushis im Gegensatz zu den meisten anderen die Müllinsel zu einer tickenden Zeitbombe, wie Wissenschaftler befürchten. Von all den gegenwärtigen Problemen und zukünftigen Bedrohungen bekommt der erholungshungrige Durchschnittstourist nicht wirklich etwas mit. Die meisten werden vom Flughafen aus direkt mit einem Wasserflugzeug auf ihre Trauminsel geflogen. Nur wenn es regnet und sich eine riesige Rauchsäule über Thilafushi erhebt, ist diese von den näher gelegenen Luxusresorts aus gut zu sehen. Dann könnte einem ein Rauchwölkchen aufgehen, das die andere Seite des Paradieses ein wenig weiter ins Bewusstsein rückt.


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