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Trennungsangst beim Hund

Wenn das Alleinbleiben zum scheinbar unüberwindbaren Hindernis wird

Hecheln ist beim Hund oftmals ein Anzeichen von Stress - (c) chalabala - Fotolia.com

Hunde sind Rudeltiere und ausgesprochen soziale Zeitgenossen. Sie sind in der Lage sehr enge Bindungen zu Zweibeinern wie zu Vierbeinern einzugehen. Eine Trennung von ihrem Rudel ist in ihrer Welt nicht vorgesehen. Im Alltag von Mensch und Hund lässt sich das Alleinbleiben jedoch nicht immer vermeiden. Grundsätzlich ist das vorübergehende Getrenntsein von seinen Menschen ein potenzieller Stressfaktor für einen Hund. Woher soll er auch wissen, dass Frauchen oder Herrchen wieder kommt? So muss er das Alleinbleiben erst lernen. Und dabei ist es egal, ob das vierbeinige Familienmitglied als Welpe eingezogen ist oder als „Second-Hand-Hund“ mit Vorgeschichte.

Aber was, wenn das Alleinsein bereits zum Problem geworden ist? Sei es, weil es nicht geübt wurde, weil der Hund sehr unsicher ist und sich übermäßig stark an seine Bezugsperson gebunden hat oder weil er bereits schlimme Verluste erleiden musste und sich daraus eine ausgewachsene Trennungsangst entwickelt hat?

Nun, die gute Nachricht ist - auch wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, kann das Alleinbleiben noch erlernt werden. Die weniger gute Nachricht: Es ist je nach Ausprägung der Trennungsangst ein mühsamer Weg, der enorm viel Geduld erfordert. Das Hinzuziehen eines Verhaltenstrainers liegt natürlich im Ermessen des Halters, ist aber durchaus empfehlenswert. Erstens weil ein professioneller Blick eines Außenstehenden immer hilfreich ist und zweitens, weil die Anwesenheit eines Verhaltenstherapeuten die eigene Disziplin verstärkt. Und bei etwaigen Rückschritten, kann ein wenig Motivation auch nicht schaden.

Aber woran erkennt man eigentlich eine Trennungsangst beim Hund? Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Faktoren an denen sich eine Trennungsangst festmachen lässt. Die folgenden Punkte können bei einem Hund, der ein massives Problem mit dem Alleinsein hat, auftreten: Er wird unruhig und ängstlich, wenn er merkt, dass der Besitzer gehen möchte und folgt ihm wie ein Schatten. Sobald der Mensch durch die Tür ist, stimmt er ein Jaulkonzert an, das auch nach ein paar Minuten nicht endet. Kommt Frauchen oder Herrchen endlich wieder, wird sie oder er über die Maßen stürmisch begrüßt. Es kann auch sein, dass der zurück gelassene Vierbeiner während seines „Martyriums“ erbricht, stark speichelt oder unsauber wird. Besorgniserregend ist immer das Zerstören von Türrahmen, Türen, Fensterrahmen etc. , da diese Dinge für den Hund Fluchtmöglichkeiten darstellen. Bei einer schweren Trennungsangst mit richtiggehenden Panikattacken, kann es sogar vorkommen, dass sich der Hund bei seinem Versuch zu entkommen selbst verletzt.

Wenn ein Hund Gegenstände zerstört, muss das jedoch nicht zwangsläufig auf die Angst vor dem Alleinbleiben zurückzuführen sein. Es kann auch sein, dass der Hund einfach nicht ausgelastet ist und sich aus Langeweile an Sofakissen oder anderen Dingen, die ihm in die Quere kommen, vergreift. Auch ist in dem Zusammenhang darauf zu achten, ob die Zerstörungswut bei jedem Alleinsein auftritt oder ob der Kollege, wenn er schön müde ist, nicht doch lieber eine Runde entspannt und sich die Wartezeit mit einem Nickerchen verkürzt. Ist ein Hund nachdem sein Besitzer wieder daheim ist, so erschöpft, dass er sofort in eine Art Tiefschlaf fällt, deutet das auf jeden Fall darauf hin, dass er alleine keine Ruhe findet und Stress hat.

Da eine Trennungsangst für beide Seiten nicht schön ist, und das Zusammenleben um einiges erschwert, liegt es im Sinne eines jeden Mensch-Hund-Gespanns, an dem „bösen“ Alleinbleiben zu arbeiten. Und das so lange bis es irgendwann nicht mehr „böse“ ist und der Hund sich bildlich gesprochen entspannt zurücklehnt, weil er ohnehin weiß, dass es nur ein vorübergehender Zustand ist.

„Mit dem entsprechenden Training sollte von Anfang an begonnen werden, auch wenn der Hund aus dem Tierschutz ist und aufgrund seiner Vorgeschichte Schwierigkeiten mit dem Alleinsein hat“, sagt die Hundetrainerin und Tierpsychologin Stephanie Lang von Langen. Dabei, so die Hundetrainerin, die sich unter anderem auf die Arbeit mit Tierschutzhunden spezialisiert hat, solle man zunächst mit minimalsten Schritten beginnen. Sprich, der Neuhundebesitzer kann zum Beispiel einfach mal für einen kurzen Moment die Badezimmertür hinter sich zumachen und den Hund sozusagen „aussperren“.  „Wenn der Hund entspannt ist, kann er auch mal im Wohnzimmer bleiben, während man in der Küche zu tun hat. Wichtig ist, dass man den Hund immer im Blick hat. Ist er gestresst, muss der Besitzer wieder einen Schritt zurück gehen. Klappt das mit den getrennten Zimmern schon ganz gut, kann sich der Besitzer auch schon mal ohne den Hund zum Briefkasten wagen.“ Falls der Vierbeiner anfängt seinen Unmut laut zu äußern, sollte man immer warten bis er ruhig ist und dann erst zu ihm gehen.

Außerdem gibt es bei Tierschutzhunden auch die ein oder andere Stolperfalle, in die das neue Frauchen oder Herrchen besser nicht hineintappen sollte. „Bei Hunden aus dem Tierschutz handelt es sich in 90 Prozent aller Fälle nicht um einen Kontrollzwang, wenn der Neuankömmling seinem Besitzer ständig hinterher läuft“, warnt Stephanie Lang von Langen. Vielmehr resultiert das Hinterherlaufen aus der Unsicherheit des Hundes, der sich schließlich in einer vollkommen neuen Umgebung zurechtfinden muss. „Auch das Boxentraining, das von vielen Hundetrainern gerne angewandt wird, kann bei Tierschutzhunden das Problem unter Umständen verstärken. Manche Tiere finden einen Kennel nämlich alles andere als gut. Vor allem dann, wenn sie beim Transport aus dem Ausland viele Kilometer ohne vorheriges Training in einer Box verbringen mussten.“

Das schrittweise Üben des Alleinbleibens ist übrigens auch bei jungen Hunden, die noch vollkommen unbelastet sind die sinnvollste und nachhaltigste Maßnahme. Ein „Hauruck-Verfahren“, bei dem der Vierbeiner gleich ins kalte Wasser geschmissen, und gleich für mehrere Stunden alleine gelassen wird, ist keinesfalls zu empfehlen. Schlimmstenfalls hat der verlassene Vierbeiner so viel Stress, dass dadurch bereits der Grundstein für eine Trennungsangst gelegt wird.

Neben dem schrittweisen Trainieren des Alleinbleibens sollten Hundebesitzer noch einige andere Punkte beachten, die mit der langsamen Steigerung des Getrenntseins Hand in Hand gehen sollten. So sollte der Abschied immer kurz aber freudig gehalten werden. Vielen Hunden hilft es, wenn ein von ihren Menschen getragenes T-Shirt an ihrem Platz liegt. So haben sie den geliebten Geruch immer in der Nase. Es hat sich auch bewährt, das Radio oder den Fernseher laufen zu lassen. Manchmal simulieren auch Alltagsgeräusche vom Band, wie das Laufen der Spülmaschine, dass alles so ist wie immer und kein Grund zur Sorge besteht. Sehr wichtig ist auch eine gute geistige und körperliche Auslastung des Hundes. Eine entspannte Grundstimmung des Vierbeiners unterstützt das Training viel mehr, als manche Besitzer für möglich halten. Bei der Rückkehr sollte die Begrüßung ebenfalls unspektakulär ablaufen. Hat der Hund einen hohen Stresspegel, wartet der Halter einfach geduldig, bis er sich beruhigt hat. Erst dann darf ein von Frauchen oder Herrchen an den Vierbeiner gerichtetes, freundliches „Hallo“ erfolgen.

Apropos freundlich: Eine Bestrafung, weil der tierische Hausgenosse in die vier Wände gemacht oder Gegenstände zerstört hat, ist absolut tabu. Er hat das nicht aus Spaß an der Freude getan, sondern aus Angst.

Und abschließend noch ein Tipp für die geduldigen Hundebesitzer: Während des Trainings hilft auch immer der Austausch mit Gleichgesinnten. Schließlich ist niemand mit dem Problem alleine und den Erfahrungen anderer zu lauschen tut in der Regel ungemein gut.

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