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Geliebt, gehasst, getötet

Warum Katzenschutz in Deutschland und der Schweiz bitter nötig ist

Nicht alle Samtpfoten werden geliebt und gut versorgt - (c) NetAP

Leonardo da Vinci soll gesagt haben: „Jedes Katzentier ist ein Meisterstück der Natur.“ Schätzungen zufolge tummeln sich in Deutschland weit über 12 Millionen, in der Schweiz ca. 1,5 Millionen dieser Meisterwerke und haben es damit an die Spitze der Beliebtheitsskala für Haustiere geschafft.

Obschon man meinen müsste, dass es den Katzen mit dieser „Vormachtstellung“ im deutschsprachigen Raum blendend gehen müsste, werden dennoch längst nicht alle Samtpfoten gestreichelt, geliebt und gefüttert, wie sich das da Vinci vermutlich gewünscht hätte. Tausende von herrenlosen, verwilderten oder vernachlässigten Katzen vegetieren auf Bauernhöfen, in Schrebergärten, auf Fabrikarealen, in Siedlungen und Gärtnereien jämmerlich vor sich hin. Sie leiden an Hunger, Krankheiten und Verletzungen und sind erbarmungslos jeder Witterung ausgesetzt.

Hinzu kommen laufend neue Jungtiere, denn die meist unkastrierten Tiere vermehren sich exponentiell. Aus einem Katzenpaar können, wenn sämtliche Tiere überleben und sich ebenfalls weiter paaren, rein rechnerisch gesehen innerhalb von zehn Jahren 80 Millionen weitere Tiere hervorgehen. Weil viele Jungtiere gleich nach der Geburt getötet werden oder bald schon wegen Hunger und Krankheit jämmerlich eingehen, wird dies verhindert. Ein schlimmer Kreislauf des Elends, den es unbedingt zu unterbrechen gilt. Doch wie?

Für viele Menschen scheint die Tötung ungewollter Tiere als die schnellste, wenn auch nicht eine nachhaltige Lösung darzustellen. Sie wird dennoch täglich praktiziert. In Deutschland, so schätzt man, werden jedes Jahr etwa 350.000 Katzen von Jägern erschossen. Exakte Zahlen sind nicht bekannt, da es keine deutschlandweite Meldepflicht für diese Tötungen gibt. Hinzu kommen all die Kätzchen, die gleich nach der Geburt „entsorgt“ werden. In der Schweiz geht die Tierschutzorganisation NetAP – Network for Animal Protection davon aus, dass jährlich mindestens 100.000 neugeborene Kätzchen aktiv getötet werden, nur weil sie niemand haben will.

Eigentlich gäbe es eine einfache, nachhaltig wirksame und tiergerechte Lösung, um die Anzahl der Katzen zu regulieren: Kastrationen. Dass die Verantwortlichen nicht zu diesem Mittel greifen, hat zahlreiche Gründe. Gleichgültigkeit, Aberglaube, falsch verstandene Religionsausübung oder der Mangel an Bereitschaft, für eine Katze Geld auszugeben, sind nur einige davon.

Oft wird den Landwirten die Schuld für das Katzenelend in die Schuhe geschoben, doch haben auch Privathalter, die glauben, ihre Katze müsse unbedingt einmal Jungtiere haben, ebenso Schuld daran, dass es zu viele Katzen gibt. Es gibt keine medizinischen Gründe, die für eine Geburt sprechen!

Viele Menschen wollen das „Wunder der Geburt“ für sich und ihre Kinder sichtbar machen. Andere finden ihre Katze so einzigartig, dass diese durch Jungtiere unbedingt reproduziert werden muss. Schließlich gibt es auch jene, die wohl eher an sich denkend, den Sexualtrieb der Katze nicht einschränken wollen. Egal aus welchen Gründen es Nachwuchs gibt: Sie sind egoistisch und sollten in Anbetracht des großen Katzenelends - im Sinne eines verantwortungsvollen Tierschutzes - zurück gestellt werden.

Um den Kreislauf des Elends zu unterbrechen, kastrieren Tierschutzorganisationen wie NetAP laufend in der ganzen Schweiz. NetAP ist eine der wenigen, wenn nicht die einzige Tierschutzorganisation, die regelmäßig Massenkastrationen durchführt, wie man sie sonst nur aus dem Ausland kennt. Die erfahrenen Schweizer Tierärzte kastrieren an einem Wochenende gerne mal zwischen 100 und 200 Katzen. Gleichzeitig mit den Kastrationen erfolgen immer auch eine medizinische Grundversorgung, die Behandlung gegen innere und äußere Parasiten und weitere individuell angezeigte medizinische Maßnahmen. Denn trotz der Masse gilt: Jedes Tier ist einzigartig und hat die bestmögliche Behandlung verdient.

Auch in Deutschland würde NetAP gerne solche Aktionen durchführen. Genügend deutsche Tierärzte, die sich aktiv gegen das Katzenleid einsetzen würden, gäbe es. Aber mit Hinweis auf die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT), die offenbar einem deutschen Tierarzt die kostenlose Kastration im eigenen Land untersagt, konnten bisher keine solchen Einsätze durchgeführt werden.

Idealerweise sollten die Länder eine Kastrationspflicht zumindest für Freilaufkatzen einführen, wie sie Österreich, Belgien und einige Städte Deutschlands bereits kennen. Leider sträuben sich noch die Politiker, dieses Thema endlich anzugehen. Ob aus Angst, Wählerstimmen zu verlieren, oder weil gewisse Bürger dies als Bevormundung, Freiheitsbeschränkung oder gar als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ihrer Katzen werten könnten, ist nicht klar.

Eine Kastrationspflicht dürfte eigentlich nur Befürworter finden: Katzenfreunde erfreuten sich daran, weil es weniger Katzenleid gäbe. Katzengegner müssten die sinkende Zahl an Katzen überzeugen. Naturliebhaber würden sich nicht mehr so oft über Vogel- und Amphibienopfer ärgern. Und Artenschützer hätten weniger Sorgen wegen der Verpaarung der geschützten Wildkatze mit verwilderten Hauskatzen.

Überdies hat auch für die Katze ein solcher Eingriff wichtige Vorteile: Die mit der Sexualität verbundenen Kämpfe und Revieransprüche gingen deutlich zurück, wodurch Unfall- und Verletzungsrisiken sänken. Die Ansteckungsgefahr für Krankheiten wie FIV und FelV würde ebenfalls reduziert. Kätzinnen riskierten keine gefährlichen und schmerzhaften Gebärmuttervereiterungen mehr und das Risiko für gewisse Krebsarten würde sich verringern. Schließlich würde ganz allgemein die Stressbelastung stark reduziert, und insbesondere heimatlose Katzen könnten sich wieder auf das konzentrieren, was für ihr Leben am wichtigsten ist: das Überleben.

Das Katzenleid ist riesig. Es vergeht kaum ein Tag, an dem bei NetAP nicht neue Meldungen über herrenlose oder vernachlässigte Katzengruppen eingehen. Obwohl sowohl personelle als auch finanzielle Mittel beschränkt sind, finden laufend Einsätze statt. Dank eines großen Netzwerkes an Tierärzten und Helfern können tausende Tiere kastriert und damit viel Leid verhindert werden.

Das Leid der Katzen wird massiv unterschätzt. Während man gerne mit dem Finger nach Süden oder Osten zeigt und anprangert, was dort alles in Sachen Tierschutz versäumt wird, geht vergessen, dass hierzulande ebenso viele Tiere unnötigerweise sterben müssen. Das Kastrieren von verwilderten Katzen wird vom Staat weder subventioniert noch unterstützt. Organisationen wie NetAP finanzieren solche Aktionen allein durch Spendengelder.

Pro Jahr ermöglicht NetAP mittlerweile über 13.000 Kastrationen im In- und Ausland. Theoretisch wären noch mehr möglich. Aber selbst wenn wie bei NetAP alle Beteiligten ehrenamtlich an den Einsätzen teilnehmen, braucht es dennoch vor allem umfassendes Ausrüstungsmaterial und Medikamente. Und auch diese müssen finanziert sein.
Kastrationen retten Leben, verhindern Leid, bevor es entstehen kann, und bieten eine nachhaltige Lösung zur Kontrolle der Überpopulation. Deshalb sollten sie für jeden Tierfreund eine Selbstverständlichkeit darstellen.
Von Esther Geisser

Katzenelend überall

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