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Bullshit Bingo

Stierkampf oder wer keine Wahl hat, hat die Qual

Für viele ist der Stierkampf ein grausames Spektakel, das im 21. Jahrhundert nichts zu suchen hat - (c) PETA Deutschland e.V.

Der Todeskampf eines Stiers in der Arena dauert rund 15 bis 20 Minuten. Eine reelle Chance zu gewinnen hat die gequälte Kreatur nicht – und auch keine Wahl. Viele Spanier verabscheuen den mittelalterlich anmutenden, ungleichen Kampf mit dem immer gleichen Ausgang. Früher, da wurden Toreros noch als Volkshelden verehrt und gefeiert. Heute werden sie unter Polizeischutz stehend in die Arenen verfrachtet.

Vor dem „Coliseo“ in Palma de Mallorca tummeln sich vor jeder „Corrida“ lautstark die Gegner des blutrünstigen Spektakels. Dabei finden mangels Zuschauern ohnehin immer weniger Stierkämpfe auf der Insel statt. Zuletzt nur noch einmal im Jahr und in Zukunft gar nicht mehr, zumindest in Palma. Die neue Mitte-Links-Regierung der Hauptstadt hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen Palma de Mallorca als „stierkampffreie Zone“ erklärt.

Den Menschen hinter der Bürgerinitiative „Mallorca ohne Blut“, die innerhalb weniger Monate 120.000 Unterschriften von Stierkampfgegnern sammelten, fällt allesamt ein riesen Stein vom Herzen. Sie sind einhellig der Meinung, dass das sadistische Zu-Tode-Quälen von fühlenden Lebewesen im 21. Jahrhundert nichts mehr zu suchen hat. Tradition hin oder her.

Und nicht nur die meisten Spanier teilen diese Meinung, auch die Mehrheit der Europäer hält von dem grausigen Schauspiel, das die spanische Regierung in Madrid im November 2013 tatsächlich als „immaterielles Kulturgut“ per Gesetz unter Schutz stellte, ebenso wenig – genau wie ich.

Als ich vor kurzem erfuhr, dass die Mallorquiner den Toreros ihre Jobs kündigen, glitt mir unwillkürlich eine Mischung aus schadenfrohem Grinsen und erleichtertem Lächeln übers Gesicht. Wie die Gegner vor Ort, hoffe auch ich auf die Signalwirkung dieser längst fälligen Entscheidung. Es wäre doch gelacht, wenn die Städte Muro, Alcúdia und Inca nicht bald nachziehen würden.

Das ist so ein bisschen wie „Bullshit Bingo“, eine etwas abgewandelte und leicht bissige Form des beliebten Lotteriespiels. Bei „Bullshit Bingo“ werden keine Karten mit langweiligen Zahlen benutzt, sondern mit „leeren Phrasen“, also Worthülsen, die absolut keiner braucht. Aus einer Lostrommel werden dann die dusseligen Begriffe gezogen und wer auf seiner Karte eine Reihe hat, darf aufspringen und laut „Bullshit“ rufen.

Ich stelle mir vor, wie wahre Menschenmassen euphorisch durch die Straßen Mallorcas rennen und im Chor laut „Bullshit“ rufen, weil sich die gesamte Reihe der Städte, die bisher noch an der Tradition festhielten, nun vom Stierkampf verabschiedet. Zugegeben - das Gedankenspiel ist vielleicht etwas weit hergeholt, aber mir gefällt's.

Natürlich gibt es auch noch Befürworter der blutigen Tradition. Und diese Menschen sind leider sehr emsig. Die Stierkampflobby möchte, dass der unfaire Kampf  in das Verzeichnis des „immateriellen Kulturerbes“ der UNESCO aufgenommen wird. Frankreich hat das übrigens auch schon versucht, ist aber jüngst an dem Vorhaben gescheitert.

Tja, die guten alten Zeiten in denen sich noch Pablo Picasso und Ernest Hemingway auf den Rängen der Arenen tummelten und das für den Stier qualvolle Schauspiel mit höchster Aufmerksamkeit und Faszination verfolgten, sind schon lange vorbei. Auf den Kanarischen Inseln ist der Stierkampf bereits seit 1991 verboten und auch in Katalonien gibt es seit einigen Jahren keine „Corridas“ mehr. Rund 100 weitere Städte und Gemeinden haben die mittelalterliche Unterhaltungsshow ebenfalls abgeschafft. 

Weil viele Plätze in den übrig gebliebenen Arenen leer bleiben, bleiben natürlich auch die Kassen leer und werden dann durch direkte und indirekte Subventionen wieder gefüllt. Laut PETA werden Stierkämpfe in Spanien mit geschätzten 571 Millionen Euro unterstützt. 130 Millionen kämen den Züchtern von Kampfstieren jährlich über Agrarsubventionen zugute, davon seien 30 Millionen aus Deutschland. Somit trägt der deutsche Steuerzahler aktiv zum Erhalt der sadistischen Tradition bei. Natürlich ungefragt. Vor dem Hintergrund, dass die Toreros, die ihren Job noch haben, oftmals von der Polizei in die Arenen begleitet werden, weil es immer wieder zu Handgreiflichkeiten zwischen Tierschützern und den einstigen Helden kommt, ist das schon ein wenig paradox. Weil das Land ja sonst keine Probleme hat...

Ich frage mich, ob ein Matador  - was übersetzt Schlächter bedeutet – angesichts dieser steigenden Anti-Stierkampf-Tendenz in der Bevölkerung überhaupt noch „Spaß bei der Arbeit“ empfinden kann. Wobei das mit Spaß auch herzlich wenig zu tun hat. Das hat sogar der Macho-Dichter Ernest Hemingway seinerzeit herausgefunden, der als großer Stierkampf-Anhänger der Philosophie des Spektakels auf den Grund gegangen ist. Für ihn und die ganzen anderen alten Schlachtenbummler ist Stierkampf Kunst. „Eine Inszenierung um den ritualisierten Umgang mit dem Tod.“ Mit anderen Worten: Der Stierkampf symbolisiert die Konfrontation des Menschen mit dem Tod. Es handle sich also um eine Theaterinszenierung mit Spielern und Publikum. „In dem Schauspiel trifft der Tod auf das Leben und das Leben auf den Tod.“ Dreimal dürfen Sie nun raten, wer wen spielt.

Wie eingangs schon erwähnt wird der Stier im Gegensatz zum Matador, den Picadores und Banderillos und wie sie alle heißen, nicht gefragt, ob er dem Schauspiel als Hauptprotagonist beiwohnen möchte. Und falls ihn mal jemand gefragt hätte, dann hätte er sich sicherlich für eine saftige grüne Wiese, anstatt für eine staubige Arena gepaart mit Schmerzen, Angst, Erschöpfung, Verzweiflung, Erniedrigung und Tod entschieden. Er hätte sich für das Leben entschieden, das er trotz der künstlich geschaffenen, unfairen Verhältnisse bis zum Schluss versucht zu verteidigen. Vor dem sogenannten Kampf werden die Tiere, wie Untersuchungen ergaben, nicht selten unter Drogen gesetzt. Manchmal wird ihnen Vaseline in die Augen gerieben, damit sie die Abstände nicht mehr richtig einschätzen können. Die Hörner werden abgeschliffen oder abgesägt und auch tagelanger Futter- und Wasserentzug gehört zu den ganz normalen „Kampfvorbereitungen“.

So ist der Stier ist bereits geschwächt, wenn er aus einer finsteren Box, in der er vor dem Spektakel stehen muss, in die Arena getrieben wird. Kaum findet sich das irritierte, von einem johlenden Publikum umringte Tier in der Arena wieder, wird es bereits von Picadores traktiert und gequält. Sie umkreisen ihn auf Pferden, deren Augen verbunden sind, und verletzen mit Lanzen seine Bänder, Sehnen und Nackenmuskulatur, so dass der Stier viel Blut verliert und seinen Kopf nicht mehr heben kann. Dann kommen die Banderillos ins Spiel, die dem gepeinigten Wesen die sogenannten Banderillas in den scherzenden Körper rammen. Das sind die ungefähr 75 bis 80 Zentimeter langen bunten Holzstöcke an deren Enden sich Widerhaken befinden. Bei jeder Bewegung durchtrennen die scharfen Widerhaken seine Nackenmuskulatur um ein weiteres. Der Matador oder Torero kommt erst im „Dritten Akt“ zum Zuge, wenn der Stier schon fast tot ist. Er provoziert ihn dann ein letztes Mal, um ihn mit einem gezielten Schwertstoß zu töten. Misslingt der Todesstoß, artet das Spiel mit dem vorbestimmten Ausgang in ein regelrechtes Gemetzel aus.

Schützenswertes Kulturgut? „Ja ne is klar!“  Für Hemingway war Stierkampf Kunst. Für die aktuellen Befürworter ist er das immer noch. Eine Kunstform, bei der Stier der traurige Star ist, der ungefragte Darsteller, der am Ende stirbt. Immer. Da möchte ich doch schon wieder aufspringen und ganz laut „Bullshit“ rufen.

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