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Das Jogi-Phänomen

Von Sofakritikern und dem Mut echte Entscheidungen zu treffen

Kritik üben ist einfach - es besser machen dafür bedeutend schwieriger (c) Lisa F. Young - Fotolia.com

Bei der arglosen Betrachtung des Wortes Tierschützer scheint klar, was gemeint ist. Ein Tierschützer ist ein Mensch, der Tiere schützt, sie also vor Leid bewahrt und dafür sorgt, dass es ihnen gut geht. Das wäre schön. In der immer noch bösen Realität (wer die Kolumne „Weiße Schafe, schwarze Schafe“ gelesen hat, weiß Bescheid) tritt der Tierschützer, also der Mensch der Tiere schützt, meist erst dann in Erscheinung, wenn einem Tier bereits großes Leid widerfahren ist. Schlimme Szenarien gibt es mehr als genug. Ein Hund oder eine Katze (stellvertretend für alle anderen Tierarten) wurden von einem Auto angefahren, mit einer Eisenstange geschlagen, angeschossen oder sind schwer krank. Ein Hund hat sein ganzes Leben an der Kette verbracht oder in einem Shelter, in dem katastrophale Zustände herrschen. Womöglich ist das Tier schwer traumatisiert, hat sich aufgegeben oder hat so große Angst vor Menschen, dass jeder Kontakt mit einem Zweibeiner für ihn wie sterben auf Raten ist. Und dann steht er da, der Mensch, der Tierschützer –  in einem Shelter in Rumänien, in einem deutschen Tierheim, einer Auffangstation, in einer Tierarztpraxis oder auf einer einsamen Passstraße irgendwo am Ende der Welt. Vielleicht ist er erschöpft und verzweifelt, vielleicht fühlt er sich überfordert und alleingelassen. Aber er ist da, er ist vor Ort und weiß, er muss eine Entscheidung treffen. Nicht irgendwann, sondern jetzt!

Dann wird die Zeit zum größten Feind. Fragen über Fragen schießen dem Menschen, dem Tierschützer, durch den Kopf: „Wird es gut gehen, ist genug Geld für etwaige teure Operationen oder Behandlungskosten da, hat das Tier eine Chance auf ein neues und schöneres Leben oder verlängere ich mit meiner Entscheidung seinen Leidensweg?" Vielleicht hat das gequälte Geschöpf genau in dem Moment des größten Zweifels den Kopf gehoben und dem Menschen, dem Tierschützer, in die Augen geblickt und er hat gespürt, dieses Tier möchte leben, es vertraut ihm, es spürt, dass es jemand gut mit ihm meint.  Plötzlich ist die Entscheidung gefallen und die Angst ist wie weggeblasen. Es gibt nun kein Zurück mehr und es werden alle üblichen Hebel in Bewegung gesetzt. Je nach Budget werden Spenden bei tierlieben Mitmenschen gesammelt, vielleicht wird auch nach einem geeigneten Platz gesucht, wo sich das Tier erstmal erholen kann, wo es in aller Ruhe genesen kann und dafür alle Zeit der Welt bekommt.

Ja, und auf einmal sind sie da. Sie kommen aus ihren Wohnzimmern hervorgekrochen, wie Gollum hinter einem Felsen – die Sofakritiker. Das gefürchtete „Jogi-Phänomen“ grassiert nämlich nicht nur unter Fußballfans, sondern ebenso unter Tierschützern. So wie es in Deutschland Abertausende Bundestrainer gibt, die bei einem großen Turnier erstens alles anders gemacht hätten als Jogi Löw, und zweitens alles besser, hätten unzählige selbsternannte Tierärzte oder Tierpsychologen natürlich auch alles anders gemacht, und besser. Natürlich. Dabei vergisst der gemeine Sofakritiker nur eins: Wer sich hinter seiner Allwissenheit verschanzt und einen Bewegungsradius vorzuweisen hat, der sich auf die Strecke zwischen Sofa, Fernseher und Kühlschrank beschränkt, wird nie in die Verlegenheit kommen, echte Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, von denen auch der im Fokus der Sofakritiker stehende Mensch, der Tierschützer, nie gedacht hätte, dass er sie jemals treffen müsste.

Jemand der nur kritisiert macht keine Fehler, er findet sie. Aber vielleicht sollten die ganzen Jogis dieser Welt einfach mal versuchen, ihre Sichtweise zu ändern. Vielleicht gibt es ja gar kein falsch, vielleicht gibt es einfach nur diesen einen Moment und in diesem Moment war die Entscheidung für diesen einen Menschen richtig.

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