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Nie wieder Elefantenreiten

In eine Tierschutzfalle tappt frau nur einmal

Bunt und traurig - die Elefanten von Amber Fort - (c) Mariusz Prusaczyk - Fotolia.com

Indien ist bunt. So bunt wie der in fröhlichen Farben bemalte Elefant vor dem Luxushotel in Jaipur. Wie zur Salzsäule erstarrt, stand er neben seinem nicht minder farbenfrohen Mahout und bildete das Begrüßungskomitee für die kleine Reisegruppe aus Deutschland.

Kaum angekommen, wurde jeder einzelne freundlich aber bestimmt vom Hotelpersonal neben das bemalte Wildtier bugsiert. Sobald das Erinnerungsfoto im Kasten war, kam der nächste dran. Gabi war als letzte an der Reihe. Die junge PR-Beraterin war mit sechs Reisejournalisten angereist, um sich einige der traumhaften Häuser ihres Kunden, einer indischen Luxushotelgruppe anzusehen und natürlich um möglichst viel vom Norden Indiens und seiner Tradition zu erhaschen. Gabi war mit Tieren aufgewachsen. Aufmerksam beobachtete sie den allem Anschein nach noch jungen Elefanten. Während der ganzen Prozedur rührte er sich keinen einzigen Millimeter, der Rüssel hing nach unten und sein Kopf war stets nach vorne gerichtet. Nachdem die Gruppe wie in Indien üblich, verspätet eintraf, stand er möglicherweise schon seit ein paar Stunden vor dem Hotel Spalier. Gabi fühlte sich seltsam. Sie hatte sich sehr wohl auf die Reise vorbereitet, schließlich war das ihr Job. Ihre Vorbereitungen bezogen sich allerdings mehr auf die Organisation, die Hotelführungen, Transfers und wichtige Kundengespräche. Die direkte Konfrontation mit einem Elefanten, der mutterseelenalleine – also ohne Artgenossen – seine Aufgabe als indischer „Grußaugust“ mit apathischer Professionalität meisterte, hatte sie nicht auf dem Schirm. Genauso wie die unzähligen Streuner und ausgemergelten Kühe, die das chaotische Straßenbild jeder indischen Metropole zu ergänzen schienen.  

Am nächsten Tag stand ein Besuch des Amber Forts auf dem Programm der Journalistengruppe. Die mittelalterliche Festung liegt etwas nördlich von Jaipur und bildet einen der Haupt-Touristenmagnete von Rajasthan, dem Land der Maharadschas. Nach einer halsbrecherischen Fahrt durch das Aravalli-Gebirge, tauchte nach einer scharfen Biegung endlich das erhöht liegende Amber Fort auf. An den anarchistischen Fahrstil indischer Taxifahrer würde sich Gabi sicherlich nicht gewöhnen. Alleine auf der relativ kurzen Strecke starb sie in Gedanken mindestens zehn Mal den Heldentod – vor allem als der tollkühne junge Mann sein Vehikel mitten durch eine Affenhorde lenkte, die gerade die Straße überquerte.

Wieder Elefanten. Dieses Mal nicht nur einer, sondern eine ganze Kolonne, die ein unbequem aussehendes Gestell auf dem Rücken trugen und darauf bis zu jeweils vier Touristen. Sie schlängelten sich meist nacheinander den Anstieg zum Fort hoch. Von einer Plattform aus, stieg Gabi mit einem komischen Gefühl im Magen auf das geduldig wartende Tier. Sofort viel ihr der Stock mit einer Art Widerhaken und einer Spitze aus Metall auf, den der auf dem Hals sitzende Mahout in der Hand hielt. Gabi stupste ihre Sitznachbarin an und deutete auf den gefährlich aussehenden Stock. Die Sitznachbarin zuckte mit den Schultern und sah in die andere Richtung.

Gabis Reise nach Indien ist nun mehr als 10 Jahre her. Heute weiß sie, dass es sich bei dem Stock um einen sogenannten Elefantenstab oder Elefantenhaken handelte, mit dem den Dickhäutern an empfindlichen Stellen Schmerzen zugefügt werden, damit sie aus Angst davor parieren. Obwohl sie landläufig als Dickhäuter bezeichnet werden, ist ihre Haut eher dünn und empfindlich. Einen asiatischen Elefanten ohne Narben, der als wandelnde Touristenattraktion durch sein armseliges Leben geht, wird man kaum finden. Gabi weiß auch, dass den sozialen und hochsensiblen Wildtieren in sehr jungen Jahren bei einer unfassbar grausamen und verachtenswerten Prozedur der Wille gebrochen wird. Dieses in Asien praktizierte Ritual nennt sich „Phajaan“. Dabei werden die Elefantenkälber so fixiert, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Entweder werden sie zwischen Bäumen festgebunden oder in enge Holzkäfige gesperrt. Die Vorderbeine sind mit Ketten fixiert. Dann bricht das Unheil in Form von schreienden und auf sie einprügelnden oder einstechenden Männer auf die ahnungslosen Tiere herein. Zudem leiden die Elefantenbabys, die oftmals als illegale Wildfänge zu ihren Peinigern kommen unter Futter-, Wasser- und Schlafentzug. Früher oder später geben die Tiere auf, sie resignieren, ihre Seele ist gebrochen. Apathisch befolgen sie die eingeprügelten Kommandos. Gabi hat all ihren Mut zusammen genommen und sich neulich Bilder und ein Video von dieser Prozedur angesehen. Angesichts dieser Bilder möchte sie bei der in manchen Reiseführern und Blogs zu lesenden Aussage, dass das Verhältnis zwischen Mahouts und ihren Elefanten auf Vertrauen basiere, einfach nur kotzen.

Und auch wenn ihnen der Lebenswille genommen wurde, brechen sie hin und wieder aus ihrem inneren Gefängnis aus. Dann wird es gefährlich, richtig gefährlich. An der Festung kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Im September 2005 hat ein Bulle einen Tourguide getötet und zwei belgische Touristinnen verletzt. Dabei wollten sie lediglich ein Foto mit sich und dem Elefanten machen. Seit dem wurden die Elefantenritte „entschärft“. Gabi hat gelesen, dass nur noch zwei Touristen auf dem Rücken der Tiere Platz nehmen dürfen. Außerdem seien nur noch Elefantenkühe im Einsatz und das nur drei Mal am Tag. Dafür stehen dann rund 120 Tiere in einer Schlange, um die müden Touristen nach oben ins Fort zu schaffen. Nichtsdestotrotz ereignete sich 2011 wieder ein Unglück, das es in die Medien schaffte. Ein koreanisches Ehepaar sprang in Panik vom Rücken eines Elefanten, weil dieser wohl mit einem Artgenossen aneinander geriet. Die Frau erlitt eine Kopfverletzung und der Mann brach sich ein Bein als der unter eines der Tiere geriet. Das hätte auch wesentlich schlimmer ausgehen können.

Ihr nächstes Zusammentreffen mit einem Elefanten sah gottseidank anders aus. Das war in Südafrika. Gabi war wieder mit einer Journalistengruppe unterwegs und achtete bei der Vorbereitung peinlich genau auf jeden Programmpunkt. Sie wollte ausschließen, dass die gebuchten Logdes auch nur irgendetwas mit der in Südafrika immer populärer werdenden Trophäenjagdindustrie zu tun hat. Wildtiere beobachtete die Gruppe aus der Ferne auf einer geführten Safari. Die afrikanischen Elefanten mit ihren großen Ohren beobachtete Gabi sehr genau. Was für wunderbare Tiere das doch sind. Eine Herde mit einem noch sehr kleinen Elefantenbaby kreuzte zweimal ihren Weg. Mit erhobenem Rüssel tummelte sich der fröhliche und mit kühlendem Schlamm garnierte Fratz zwischen den älteren Elefantendamen. Gabi dachte unwillkürlich an die Elefanten in Indien, die auch deshalb so regungslos dastehen, weil sich nicht selten mit Drogen ruhig gestellt werden.

Ja, ihre Indienreise ist Gabi im Gedächtnis geblieben. Sie hat immer noch ein mulmiges Gefühl, wenn sie an Amber Fort denkt. Auf der anderen Seite ist sie froh über ihre Erfahrungen, denn diese wenigen Tage haben ihr für immer die Augen geöffnet.


ÜBRIGENS: Um dem Fang und Missbrauch von Wildtieren für Touristenattraktionen einen Riegel vorzuschieben haben elf Tier- und Artenschutzorganisationen, darunter Pro Wildlife, der Deutsche Tierschutzbund, der bmt, Vier Pfoten oder die Gesellschaft zur Rettung der Delphine ein Positionspapier erarbeitet und veröffentlicht, das Reiseveranstaltern den Mindeststandard für ihre Angebote aufzeigen soll. Auch Reisende selbst können sich anhand des Positionspapiers über Tierschutzfallen im Urlaub informieren. Sprich, keine Delfinarien besuchen, keine Fotos mit Affen, Papageien oder Elefanten. Kein Walfleisch oder Haifischflossensuppe kosten. Vorsicht vor Souvenirs aus Reptilienleder. Als Faustregel gilt: Wildtiere nur aus der Ferne beobachten.
Hier können Sie sich das Positionspapier: Wildtiere im Tourismus ansehen und herunter laden.

Elefanten als Touristenattraktion zum Anfassen

Grausame Szenen aus einem indischen Trainingscamp

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