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Schlittenhunde

Grönlands fast vergessene Seelen

Die Hunde leben abseits der Wohnhäuser und sind tagein, tagaus an bestimmten Plätzen angekettet - (c) Robin Hood Tierschutz

Im Leben gibt es Herausforderungen an denen man durchaus zerbrechen kann. Man kann aber auch an ihnen wachsen oder sogar über sich selbst hinauswachsen. Diese Geschichte handelt auch genau davon.

Auch wenn es bei jeder Reise nach Ostgrönland diese unsäglichen Momente gibt, die ihr immer noch Tränen in die Augen treiben - die Hunde, das raue Land, und auch seine Menschen sind Marion Löcker im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen. So sehr, dass der Kampf um eine Verbesserung der Lebensumstände von Schlittenhunden in einem der entlegendsten Winkel der Welt heute eines ihrer Lieblingsprojekte ist. Vor mehr als zehn Jahren hatte die Gründerin des österreichischen Tierschutzvereins Robin Hood im Internet über die dramatische Situation der Schlittenhunde in Ostgrönland gelesen. Erst konnte sie das Gelesene kaum glauben. Zu sehr widersprach es sich mit der romantischen Vorstellung, die wohl die meisten von uns bei beim Gedanken an die schönen und so herrlich ursprünglichen Vierbeiner haben. Eisige Welten, Weiß wohin das Auge reicht und mittendrin ein Mensch auf einem Schlitten, der von seinen geliebten Huskys gezogen wird, die voller Begeisterung für ihn durchs Feuer gehen würden. So sieht Freiheit aus. Doch Freiheit ist schon mal etwas, das ein Schlittenhund in Ostgrönland nicht kennt und auch nicht kennenlernen wird.
Aber der Reihe nach. Obwohl Marion Löcker anfangs nicht so recht glauben konnte, was sie im Netz gelesen hatte, ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie forschte weiter nach und stieß auf eine Amtstierärztin, die es damals noch gegeben hatte. „Die saß zwar an der Westküste, war aber auch für die Hunde an der Ostküste zuständig“, erinnert sich die Tierschützerin. Bald sah sich Marion Löcker in ihren Befürchtungen bestätigt. Die Tierärztin, die selbst nur sehr selten in den Osten des Landes kam, bat inständig um Hilfe. So reiste Marion Löcker 2007 zum ersten Mal nach Ostgrönland.
Was sie dort zu sehen bekam, schockierte sie zutiefst. „Ich bin ja nun wirklich in vielen Ländern unterwegs und habe viel erlebt, aber ich habe noch nie Tiere gesehen, die vor Durst wahnsinnig geworden sind.“ Wieder daheim in Österreich, weinte sie desöfteren vor Verzweiflung. Und in den darau olgenden fünf Jahren trat sie regelrecht mit ihren Bemühungen auf der Stelle. Es tat sich einfach nichts. Dabei kontaktierte sie wirklich Gott und die Welt, selbst die dänische Königin hatte sie angeschrieben. Alles ohne Erfolg. Auch andere Tierschutzorganisationen wollten oder konnten nicht helfen.
Aber für die Vollbluttierschützerin gab es keinen Weg zurück. Es gab nur den Gang nach vorne. „Das klingt jetzt vielleicht etwas blöd. Aber als ich 2007 zum ersten Mal in Ostgrönland war, habe ich den Hunden in die Augen gesehen und gesagt, ich komme so lange zu Euch, bis sich etwas ändert. Das verspreche ich Euch.“ Dieses Versprechen war für Marion Löcker der Motor nicht aufzugeben. Und auch wenn die Hunde von damals schon lange nicht mehr leben, ihr Versprechen hat sie gehalten. Nach unzähligen Versuchen, etwas für die vergessenen Schlittenhunde zu erreichen, schrieb ihr im Jahr 2012 ein Beamter aus Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, zurück. Das war der Wendepunkt. Ihm gefiele die Idee mit den Hundehütten, erklärte er. „Dieser nette Mensch, der zuständig für Umwelt, Natur und Nachhaltigkeit war, hat mir das erste Türchen geöffnet.“
Dieses erste Türchen war auch der Startschuss für ein wunderbares Sozialprojekt. In Tasiilaq, dem mit etwa 2000 Einwohnern größten Ort in Ostgrönland, bauen arbeitslose Jugendliche Hundehütten für die, den unwirtlichen Witterungsbedingungen schutzlos ausgelieferten Schlittenhunde. Diese können dann für vergleichsweise kleines Geld erworben werden. Das wird von den Menschen auch gut angenommen, sagt Marion Löcker. Die Hütten verbessern die Lebensbedingungen der Hunde enorm und sind deshalb auch sehr wichtig. Wie alles andere muss das Material nach Grönland eingeführt werden. Das ist teuer. Aber es ist es auch wert.
Mittlerweile lässt der Verein RobinHood auch in Dänemark produziertes Hundefutter nach Ostgrönland transportieren. Für 30 Paletten Futter werden dann rund 8000 € Frachtkosten fällig. Auf diese Weise können sich die Grönländer das Futter jedoch leisten und die Tiere müssen nicht hungern, wenn die Jagdsaison nicht gut lief. Auch heute sind die Inuit, so die Bezeichnung für die indigenen Volksgruppen im arktischen Kanada und Grönland, noch teilweise auf die Jagd angewiesen. Dafür brauchen sie ihre Schlittenhunde. Ziehen die Tiere keinen Schlitten, hängen sie an der Kette. „In der Regel hängen die Hunde paarweise an einer Kette. Meist Rüden und Hündinnen. Die Paare sind wiederum über einen langen Strang miteinander verbunden. An einem Strang hängen aber insgesamt 16 bis 20 Hunde“, erklärt Marion Löcker. „Oft werde ich gefragt, warum ich die Hunde nicht von der Kette hole. Aber die Kette ist in Grönland Pflicht. Daran kann ich nichts ändern. Ich kann nur dafür sorgen, dass sich die Lebensbedingungen der Tiere verbessern. Dass sie Wasser und Futter bekommen, die Ketten kontrolliert werden und eine schützende Hütte vorhanden ist.“ Das alleine ist schon ein riesen Erfolg. Vor allem wenn man die schwierigen Anfangsjahre betrachtet.
Heute wird Marion Löcker von den Inuit akzeptiert. Sie vertrauen ihr, fragen sie um Rat und bitten sie auch um Hilfe für ihre Hunde. Natürlich gibt es immer wieder Dinge, die entsetzlich sind und die Tierschützerin zutiefst erschüttern. So traf sie im Sommer 2017 auf Hunde, die im Müll angekettet waren. „Das war wirklich Horror“, schildert sie die Situation. „Ich habe dann den Hundeinspektor im Hauptort informiert und habe ihm gesagt, dass da unbedingt etwas geschehen muss.“ Der Besitzer wurde auch schnell ausfindig gemacht. „Dann habe ich gefragt, was nun mit den Hunden passiert. Der Hundeinspektor hat mir dann gesagt, dass der Besitzer die Hunde dort wegholen müsse, andernfalls müsse er sie erschießen. Für mich ist so eine Situation dann auch immer ein Konflikt, weil ich weiß, ich bin dann für den Tod der Hunde verantwortlich. Doch dann denke ich mir wieder, was ist denn besser?“
Letztendlich hat der Besitzer die Hunde an einen anderen Ort gebracht. Den Vorfall hat Marion Löcker sofort auf Facebook gepostet. Die empörten Reaktionen der Einheimischen ließen nicht lange auf sich warten. Das sei eine Schande für ihr Land, war nur eine der vielen Reaktionen. „Es findet ein Umdenken statt“, freut sich die Tierschützerin. Das sei deutlich zu spüren.
Im vergangenen Sommer reiste sie erstmals zusammen mit einem Tierarzt in das Land der „fast vergessenen Hundeseelen“. Dieser hielt in Tasiilaq auch eine Art Workshop ab, wo er über die Themen Tiergesundheit, Impfung und Entwurmung referierte. Das Interesse war wirklich groß. Auch konnte der rumänische Tierarzt Dr. Levente Borka, mit dem Marion Löcker schon seit Jahren zusammenarbeitet, einigen Tieren helfen und sie teilweise vor dem sicheren Tode bewahren. Hunde, die nicht vor dem Schlitten laufen können, werden in Ostgrönland nämlich erschossen. Da reicht schon eine Verletzung an der Pfote, ein Bissverletzung oder eine Erkrankung. Deshalb werden die Schlittenhunde auch nicht besonders alt. In der Regel nur vier bis fünf Jahre. „Alleine in den letzten Monaten hat der Hundeinspektor 300 Tiere erschossen, auch Welpen“, berichtet Marion Löcker, die an ihrem dennoch liebgewonnenen Projekt auf jeden Fall dran bleibt. „Was ich da oben wirklich gelernt habe ist niemals aufzugeben. Wenn einem etwas wichtig ist im Leben - egal was es ist und wo auf der Welt es ist - du musst dran bleiben. Irgendwann öffnet sich eine Tür. Das ist meine persönliche Konsequenz, die ich aus dem Ganzen gezogen habe. Das hat mir auch sehr viel gegeben.“
Für die Schlittenhunde, die vergessenen Seelen, ist die Beharrlichkeit der Tierschützerin ein großes Glück. Natürlich hängen sie immer noch an der Kette, wenn sie nicht gerade einen Schlitten ziehen. Aber im Gegensatz zu früher ist ihre Grundversorgung mit Futter und Wasser gesichert. Und meistens haben sie auch ein schützendes Hundehüttendach über dem Kopf.

Infos: www.robinhood-tierschutz.at

Eindrücke aus Ostgrönland

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